Coffee & Cigarettes

Steve Wozniak
„Ich liebe es,
wenn Menschen lachen.“

Bitten Apple

„Mein Motto lautet: Sei freundlich zu jedem – selbst wenn er dir Böses angetan hat. “

Rubrik
Coffees & Cigarettes

Date
Oktober 2006

Ort
Berlin, Deutschland

Fotos
Eric Weiss

26.10.2006, Berlin. Er schneidet sein Steak mit Visitenkarten aus Stahl, narrt Fluggäste mit obskuren Aufklebern und spielt in seiner Freizeit am liebsten Segway-Polo. Nebenher hat STEVE WOZNIAK als früh ausgeschiedener Apple-Mitgründer auch noch im Alleingang unseren Umgang mit dem Computer revolutioniert. Spielt er einem nicht gerade einen seiner legendären Streiche, ist Wozniak ein urgemütlicher Mensch. In schroffem Kontrast zu seinem massigen Körper funkeln die kleinen Augen des Kaliforniers förmlich vor Energie, sobald im noch leeren Hotel-Café sein eigentliches Lieblingsthema zur Sprache kommt: die kleinen Späßchen des Lebens. Don’t worry, be happy.

Mr. Wozniak – Sie gelten als eine der Nerd-Ikonen der Computerindustrie und passionierter Streichespieler. Wann haben Sie das letzte Mal jemanden reingelegt?

Steve Wozniak: (grinst) Ich erinnere mich nicht daran, gestern jemanden verladen zu haben. Also muss es wohl vorgestern gewesen sein.

 

Was haben Sie denn getan?

Oh, ich habe einen selbst gedruckten, offiziell aussehenden Sticker auf die Flugzeugtoilette geklebt. Die Aufschrift lautete: „Spülen im Luftraum über Städten untersagt!“ (lacht)

 

Bevor wir das hier vertiefen, wüsste ich gerne, was das eigentlich ist für Sie: ein Nerd?

Ein Nerd ist eine Person, die sozial etwas im Abseits steht. Jemand, dem es schwer fällt,  alltägliche Gespräche zu führen, der sich aber hervorragend mit anderen Technikern über Spezifika austauschen kann. Chips, Schaltkreise, Kondensatoren, Skripte – das ist die Welt eines Nerds. Meine Welt. Bei uns Nerds sucht sich das interne Bedürfnis, sich der Welt mitzuteilen, andere, alternative Wege. Streiche sind einer davon.

 

Das klingt fast ein wenig autistisch. Hilft es einem dabei, sich auf eine einzige Aufgabe zu konzentrieren, wenn man ein Nerd ist?

Nicht unbedingt. Nerds können Universalgelehrte ebenso sein wie Leute, die ihr ganzes Leben lang akribisch an ein und demselben Problem herumschrauben. In meinem Bereich ist es sogar enorm vorteilhaft, wenn man über den Tellerrand schaut und die Disziplinen miteinander mischt. Man muss so viel wie möglich in der Hand behalten. Denn wenn dir am Ende zu viele andere Menschen in ein elektronisches Design hineinreden, geht meist die Simplizität den Bach hinunter.

„Bei uns Nerds sucht sich das interne Bedürfnis, sich der Welt mitzuteilen, andere, alternative Wege. Streiche sind einer davon.“

Würden Sie denn sagen, dass auch Ihr Apple-Mitgründer Steve Jobs, der der Firma noch heute vorsteht, ein Nerd war?

Nein. Jedenfalls nicht in dieser Konsequenz. Steve war im Gegensatz zu mir schon immer ziemlich gut darin, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Auf herkömmliche Art und Weise, meine ich. Ich würde sagen, er war eher ein Hippie: frei denkend, der Gesellschaft gegenüber durchaus kritisch eingestellt. Zumindest damals.

 

Liest man Ihre Autobiografie, kommt man nicht umhin festzustellen, dass gerade diese Facette Ihrer Persönlichkeit – Ihr recht eigener Sinn für Humor – eine der Triebkräfte für eine Entwicklung war, an deren Ende der Personal Computer stand: ein Gerät, dass man intuitiv per Maus bedienen kann, statt mittels einer an Flugzeugcockpits erinnernden Schaltfläche obskure Programmcodes einzugeben.

Da würde ich Ihnen zustimmen, zunächst aus einem ganz und gar banalen Grund: Meine Streiche als auch meine Leidenschaft für das eigentlich Unmachbare ließen mir einfach nicht genug Zeit, meine Tage am Strand und die Nächte auf Parties zu verplempern. Ich war eigentlich von früh bis spät damit beschäftigt, mir selbst beizubringen, wie man Computer baut und entwirft. Dass das einmal mein Beruf werden könnte – geschweige denn meine Geräte je verkauft werden könnten –, daran verschwendete ich zu jener Zeit keinen Gedanken. Für mich waren diese Computerfreaks Magier! Ich hatte einfach enormen Spaß an all dem Zeug. Ich hatte sogar dermaßen viel Spaß, dass ich das meiste davon am Ende gar nicht in meinem Buch unterbringen konnte.

 

Gut, aber was genau ist es, dass Ihren Hang zu Scherzen bei alledem so zentral macht? Warum sollte man als IT-Ingenieur kindisch sein?

Erstens: Das Ingenieurwesen – speziell das Programmieren – ist derart intensiv, dass Sie nicht selten bis spät abends oder sogar die ganze Nacht hindurch über einem Problem brüten. Haben Sie in einer solchen Situation kein Ventil, um Dampf abzulassen, bringt Sie das schier um den Verstand. Und zweitens öffnet es dem Denken Türen, die man vorher nicht einmal erahnt hat. Lachen macht uns frei und reißt scheinbar vorhandene Grenzen ein.

Von Ihnen stammt auch der schöne Satz: „Traue keinem Computer, den du nicht aus dem Fenster werfen kannst.“ Gilt das nach wie vor – oder müsste man das nicht längst verifizieren in einer Zeit, in der man die meisten Festplatten bereits herunterschlucken könnte?

(kichert) Das habe ich gesagt? Nun, ich mag einfach Produkte, die Sie in einer Hand halten und bedienen können. Kleine Geräte, die ohne einen Zusatzführerschein des Users ihren Job tun. Ich liebe Gadgets! Allem, was sich außerhalb meiner Reichweite befindet, misstraue ich, weil es sich meiner Kontrolle entzieht. Bin ich demnach ein Kontrollfreak? Möglich.

 

Ohne all das gäbe es jedenfalls keine digitale Blue Box – nach Ihnen das „cleverste Ding, dass ich je erfunden habe.“

Exakt. Der einzige Grund, die digitale Variante – letztlich eine Art rudimentärer Synthesizer – zu erfinden, war: Ich wollte sehen, ob so etwas funktioniert. Mir schien es eine unmögliche Aufgabenstellung, und das hat mich angespornt. Es ging mir jedenfalls nie darum, Telefonkosten zu sparen. Meine Telefonate habe ich stets selbst bezahlt. Aber natürlich hatten wir einen Höllenspaß mit der Blue Box – die Leute haben sich schier weggeschmissen vor Lachen. Also riefen wir irgendwo in Tasmanien an und buchten ein Hotel. Oder verlangten als Henry Kissinger zu nachtschlafender Zeit im Vatikan ein Gespräch mit dem Papst.

Blue Box

Die Blue Box

Unter einer Blue Box versteht man eine (anfangs analoge) technische Schaltung, die mittels eines ins Telefonnetz eingespeisten frequenzgenauen 2.600 Hz-Pieptones in der Lage war, den damals in vielen Ländern eingesetzten Vermittlungsstellen einen Befehl zur Gesprächsweiterleitung vorzugaukeln.  Internationale Gespräche zum Nulltarif waren damit ein Kinderspiel. Ersonnen wurde das Gerät Ende der 60er Jahre von dem von Wozniak vergötterten US-Hacker und Bastler John T. Draper aka Captain Crunch. Später baute Draper, der noch heute zur Hacker-Top Ten gezählt wird, so genannte MF-Boxen, mit denen er weitere Töne generieren konnte. Die Methode firmiert auch unter dem Begriff ‚Phreaking’.

Sind Sie bis zu ihm durchgedrungen?

Nicht ganz, aber immerhin fast. Ich hatte seinen persönlichen Sekretär dran, der übersetzen sollte. Leider hatte der in weiser Vorahnung den echten Kissinger angerufen, und wir flogen auf.

 

Im Ernst? Sie erfinden ein so bahnbrechendes kleines Gerät – und machen damit lediglich dumme Telefonstreiche?

Gegenfrage: Warum eigentlich nicht? Außerdem konnten wir die Dinger verkaufen und dadurch Geld für weitere Ideen und Projekte ansparen. Wir verlangten 150 Dollar pro Stück.

 

Stimmt es, dass Sie kurz darauf sogar eine eigene Witze-Hotline starteten?

Allerdings, und das war kein Zuckerschlecken, kann ich Ihnen sagen. Man durfte in jenen Tagen nämlich noch keinen Anrufbeantworter besitzen, sondern war gezwungen, diese urzeitlichen Geräte für viel Geld von der Telefongesellschaft Ma Bell zu mieten. Ich zahlte für das Monstrum mehr als für mein Appartement. Jeden Monat gab es den Dienst auf und musste ausgetauscht werden.

 

Was gab Ihnen das Ganze? Sie waren ja nicht einmal zugegen, wenn jemand anrief.

Das Gefühl, ein Pionier zu sein. Ich war der erste Kalifornier, der so ein Ding betrieb. Und, wie gesagt: Ich liebe es, wenn Menschen lachen. Darum geht es im Leben. Wer viel lacht, stirbt am Ende befriedigter. Außerdem war ich manchmal sehr wohl zu Hause. In solchen Fällen habe ich schon mal persönlich abgenommen und so getan, als sei ich die Stimme vom Band. Was glauben Sie, wie verdutzt die Leute waren, wenn ich ihnen plötzlich Fragen stellte! (lacht) Ob Sie’s glauben oder nicht: Meine erste Frau habe ich exakt auf diese Art kennen gelernt.

 

Sie wollen mich auf den Arm nehmen.

Nein, wirklich! Sie rief an, ich sagte ich könne schneller auflegen als sie – und das tat ich dann auch prompt. (lacht) Anders hätte ich mich nie getraut, ein Mädchen anzusprechen. Aber so war ich bis zu einem gewissen Grad anonym. Das Internet mit seinen Chatrooms gab es ja damals noch nicht.

„Ich habe da so eine Philosophie: Eine Beschäftigung, die Kindern Spaß macht, kann Erwachsenen nicht schlecht tun.“

Ein weiteres Beispiel: Wie kamen Sie eigentlich auf die kuriose Idee, mit den Silicon Valley Aftershocks die weltweit erste Segway-Polomannschaft zu gründen?

Einfach so. Polo war der einzige mir bekannte Sport, der zu diesen kuriosen Gefährten zu passen schien. Ich liebe diese Dinger und war im Übrigen auch der erste Konsument, der je regulär einen Segway  erstanden hat. Zugegeben: Sie sind mit 5.000 Dollar noch viel zu teuer, um sich durchzusetzen. Samstag fliege ich zurück nach Kalifornien, Sonntag ist ein Match angesetzt. Es gibt allerdings bislang nur zwei Teams an der Westküste. Nächsten Sommer findet in San Francisco zum zweiten Mal eine offene Weltmeisterschaft statt, und ich schwöre: Diesmal schlagen wir die Kiwis!

 

Ihre Spezialität als Spieler?

Bescheißen wäre wahrscheinlich zu viel. Sagen wir: Ich bin ein Meister darin, die Regeln in meinem Sinne auszulegen. Oder ich denke mir nützliche Modifikationen wie etwa eine elektrisch ausfahrbare Schläger-Verlängerung aus. (lacht) Danach finden Sie regelmäßig neue Klauseln im Regelwerk, die mich davon abhalten sollen, allzu kreativ zu sein.

 

Haben Sie eine Idee, was zu dieser Seite Ihrer Persönlichkeit geführt haben könnte? Waren Sie womöglich unsicher als Kind – und verspürten den Drang, Ihre Scheu durch ein Dasein als Klassenclown zu kompensieren?

Vielleicht. Aber zuallererst ist daran meine Mutter schuld, die mir predigte, dass ein Sinn für Humor im Leben unerlässlich sei. Bei uns zu Hause wurde eigentlich ständig gelacht, man nahm sich andauernd gegenseitig auf den Arm. Das ist noch heute so. Wissen Sie, ich habe da so eine Philosophie: Eine Beschäftigung, die Kindern Spaß macht, kann Erwachsenen nicht schlecht tun. Deshalb schleppe ich, egal wohin ich auch reise, eine Tasche mit kleinen Tricks und Gadgets mit. Um mich und meine Mitmenschen ein bisschen zu unterhalten.

 

Sie haben stets Scherzartikel dabei?

Na klar. Sie liegen oben auf meinem Zimmer. Kartenspiele, Münztricks, seltsame wissenschaftliche Gegenstände, die man gerne betrachtet, mein Roulette-Schocker…

 

Ihr was?

Roulette-Schocker: Ein paar Leute stecken ihre Finger in das Ding – aber nur einer bekommt eine gewischt. Programmierer trauen sich in aller Regel nicht, Hardware-Entwickler sofort. Die haben sich in ihrem Leben schon genug Schläge abgeholt. (lacht) Im Silicon Valley herrscht meiner Meinung nach heute eine viel zu ernste Atmosphäre. Da rennen nur noch Geschäftsmänner herum. Ist ja auch kein Wunder: Heute werden Sie ja schon hart bestraft, wenn Sie in der Schule Streiche spielen.

 

Darin waren Sie ja ebenfalls groß. Wer wie Sie damals heute eine tickende Bombenattrappe baut und in einen anderen Spind legt, der hätte in Amerika wohl wenig zu lachen.

Ja, dafür würde ich heutzutage von der Schule fliegen. Mindestens. Das Tolle an meinem Schaltkreis: So bald jemand den Spind öffnete, tickte es schneller. (lacht) Aber hat mich das zu einem schlechten Menschen gemacht? Wurde ein Krimineller, ein Dieb oder Mörder aus mir? Nein!

„Zuallererst ist daran meine Mutter schuld, die mir predigte, dass ein Sinn für Humor im Leben unerlässlich sei. Bei uns zu Hause wurde eigentlich ständig gelacht, man nahm sich andauernd gegenseitig auf den Arm.“

Haben Sie den allerersten Apple-Computer demnach aus reiner Lust am Blödsinn für 666,66 Dollar verkauft?

Nein, das war zur Abwechslung mal kein Scherz, sondern unser voller Ernst. Der Computerladen bot uns 500 Dollar pro Rechner. Wir überlegten, wie hoch der Verkaufspreis liegen müsse und kamen bei einem Drittel Mehrwert raus. 667 Dollar erschien uns aber irgendwie arg unsexy. So einfach ist das. Die satanistische Komponente fiel uns erst viel später auf. Wie Sie unschwer an den Telefonnummern auf meiner Visitenkarte sehen können, hege ich allerdings auch privat eine Faszination für sich wiederholende Zahlen. (zeigt eine Visitenkarte aus gestanztem Stahl) Ich finde das geradezu magisch.

 

Wie oft haben Sie im Zuge Ihrer Streiche bereits die Grenze in einen Bereich überschritten, wo der Spaß aufhört und jemand sich verletzt fühlt?

Mir fällt spontan eigentlich bloß einer ein: Auf der Uni habe ich meinen Störsender einmal derart eingesetzt, dass meine Kommilitonen die Fernsehübertragung eines wichtigen Pferderennens nicht sehen konnten. Die sind schier ausgeflippt und schlugen mit Stühlen auf den Apparat ein. Inzwischen weiß ich: Das tut man nicht. Man entfesselt nicht ohne Grund so viel Wut.

 

Wut ist ein gutes Stichwort. Wissen Sie, was ich ein wenig verstörend fand bei der Lektüre Ihres Buches? Sie beschreiben sich als diesen lustigen, spinnert-genialen Typen, der niemandem etwas zuleide tut, dabei muss die andere Hälfte Ihrer Geschichte ein Alptraum gewesen sein.

Worauf wollen Sie hinaus?

 

Auf ein Ungleichgewicht. Der Flugzeugabsturz etwa, der Sie um ein Haar das Leben gekostet hätte und der alles veränderte, ist Ihnen kaum mehr als zwei Seiten wert.

(überlegt) So habe ich den Unfall einfach nicht erlebt. Für mich war er vielmehr ein positiver Wink des Schicksals, da er Steine ins Rollen brachte. Zudem kann ich mich an den konkreten Hergang gar nicht mehr erinnern. Mir fehlen fünf Wochen meines Lebens, das ist alles. Ich erinnere mich daran, wie ich den Steuerknüppel ziehen wollte, um abzuheben – danach ist alles weg. Mein Gehirn hatte keinen Flugzeugunfall.

 

War es denn nur der Unfall, der Sie dazu bewog, Apple den Rücken zu kehren?

Nein, das hatte ich bereits länger vor; ich wusste nur nicht recht, wie ich es am besten anstellen könnte. Ich war zunehmend unzufrieden dort, fühlte mich ungebraucht. Ich hatte meinen Teil getan als Chefentwickler. Anstatt komplizierte Begründungen zu erfinden, warum ich aufhören wollte, kam ich nach fünf Wochen einfach nicht zurück, ging zurück aufs College und machte etwas, das mir wirklich am Herzen lag. Es gab ja kein böses Blut oder so.

 

Ganz ehrlich? Was ist mit Ihrer scheinbar noch immer anhaltenden Beziehung zu Ihrem ehedem besten Freund Steve Jobs? Jobs hat Ihnen im Verlauf der letzten 20 Jahre ein ums andere Mal übel mitgespielt – und Sie wollen nicht das kleinste bisschen böse sein auf ihn?

(zögert) Nein. Ich habe Steve immer gemocht.

 

Zum Beispiel hat Jobs nach Ihrem Fortgang völlig unnötig alles Mögliche getan, um Ihre neue Firma Cloud 9 zu sabotieren und Sie in den Ruin zu treiben. Soll ich Ihnen ernsthaft abnehmen, dass Sie das alles nicht verletzt hat?

Ach, das ist so lange her, wir waren einfach zu jung damals. Die Sache mit Cloud 9 basierte zudem auf einem Missverständnis: Steve dachte, ich hätte Apple im Streit verlassen und trachtete nun danach, Frog Design, die ja auch für Apple Gehäuse entwarfen, abzuwerben. Also hat er sie vor die Wahl gestellt. Oder erpresst, wenn Sie wollen, was sicher ein Fehler war. Daran trug auch die Presse Schuld, die das alles künstlich aufbauschte und uns gegeneinander aufhetzte, was am Ende überhaupt nicht meinem Naturell entspricht. Mein Motto lautet eher: Sei freundlich zu jedem – selbst wenn er dir Böses angetan hat. Für so was setze ich doch keine Freundschaft aufs Spiel.

 

Das klingt ja beinahe buddhistisch.

Mag sein. Dabei ist es eine Philosophie, die ich mir selbst ausgedacht habe. Ich werde nicht zum Arschloch, nur weil sich andere mir gegenüber danebenbenehmen. Ich sehe in dieser Maxime den wichtigsten Schlüssel zu einem glücklichen Leben. Und ich bin ein verdammt glücklicher Mensch. Ehrlichkeit ist ein weiterer zentraler Punkt. Ich könnte nicht ruhig schlafen, zöge ich Menschen wissentlich über den Tisch.

„iWoz“ – die Autobiografie

Mehr als 50 zweistündige Gespräche führte Steve Wozniak mit der US-Journalistin Gina Smith, um über 20 Jahre nach seinem Firmenausstieg seine eigene Sicht der frühen Apple-Historie darzulegen. Lesenswert ist das Buch abseits der zahllosen ulkigen Schnurren zu seinen legendären Streichen, die die Spielernatur Wozniaks eindrucksvoll beleuchten, vor allem aufgrund der sehr speziellen, zutiefst menschlichen Techniker-Ethik, die der Amerikaner vertritt. IT-Branchenkollegen sprechen schon jetzt von einer „Ingenieurs-Bibel“. Einziger Wermutstropfen: Den Zwist mit Steve Jobs und andere persönliche Schicksalsschläge klammert Wozniak weitestgehend aus. Das Vorwort mochte Jobs dennoch nicht verfassen.

iWoz Buch

Auch in dieser Hinsicht bewies Jobs mehr als nur kleine Defizite. Einmal bat er Sie, ein Computerspiel zu programmieren, das er für Atari entwickeln sollte. Nach dem Verkauf gab er Ihnen wie vereinbart 700 Dollar des vermeintlichen Honorars von 1.400 Dollar – und kassierte hinterrücks selbst das Zehnfache.

Das war in der Tat nicht in Ordnung, doch auch das ist 30 Jahre her. Dabei hätte ich ihm das gesamte Geld überlassen, wenn er nur gefragt hätte. Denn zum Glück war ich nicht abhängig davon, weil ich in jenen Tagen bei Hewlett Packard eine feste Anstellung bekleidete.

 

Wie kann man so einem Menschen je wieder trauen, geschweige denn ein Unternehmen mit ihm gründen?

Indem man erst zwölf Jahre später Wind davon bekommt. (lacht) Ich erfuhr davon in jener Woche, in der der Macintosh vorgestellt wurde. Wir waren mit einigen Entwicklern unterwegs in diversen Computerklubs, um denen die Geschichte seiner Entstehung nahezubringen – und einer dieser Kollegen sprach mich darauf an. Ich war absolut geschockt. Im Flugzeug nach Hause habe ich geweint vor Enttäuschung. Menschlich gesehen ist das sicher eine Katastrophe – für einen Kriminellen jedoch halte ich Steve trotzdem nicht. (überlegt) Wussten Sie, dass er selbst als Multimillionär seine Ex-Frau jahrelang um den ihr zustehenden Unterhalt für seine Kinder betrogen hat? Als das herauskam, änderte das ‚Time Magazine‘ seinen ihm zugedachten Titel prompt von „Man of the year“ zu „Machine of the year“. (lacht)

 

Bis zum heutigen Zeitpunkt behauptet Jobs zudem, Sie hätten den ersten Apple-Prototypen gemeinsam gebaut. Auch das ist offenkundig eine Lüge.

In letzter Konsequenz zumindest, ja. Aber ohne ihn hätte ich es eben auch nicht geschafft. Als wir Apple gründeten, definierten wir unsere Rollen innerhalb der Firma sehr genau: Er lernte, wie man ein Unternehmen gewinnbringend führt – ich kümmerte mich um die technische Realisierung unserer gemeinsamen Visionen. Wir gaben einfach ein hervorragendes Team ab. Ich wollte niemals mehr sein als ein Ingenieur. Zugegeben: der beste der Welt. Steve jedoch wollte das Leben der Menschen ändern, er wollte der Shakespeare oder Rembrandt seiner Ära werden. Und auf eine Art hat er das sogar geschafft.

 

Den Umgang der Menschen mit Computern haben trotzdem Sie revolutioniert, nicht er.

Ich habe lediglich etwas getan, in dem ich sehr gut war: Ich baute einen Computer. Dass sich am Ende herausstellte, dass genau dies die Welt prägen würde, konnte ich nicht vorhersehen. Es wäre mir auch egal gewesen.

 

Stehen Sie eigentlich noch auf der Gehaltsliste von Apple?

Pro forma ja, aber das sind nur Peanuts. Ich bekomme eine Art symbolischen Betrag. Allein schon, damit ich nicht auf die dumme Idee kommen kann, in direkte Konkurrenz zu treten. Dafür könnte ich alles umsonst haben, was Apple im Programm hat. Ich kaufe mir das Zeug aber lieber zu ganz normalen Tarifen selbst. Sonst jubelt mir Steve am Ende noch fehlerhafte Vorserienmodelle unter. (lacht)

 

Fällt Ihnen in der Rückschau etwas ein, das Sie gerne anders gemacht hätten?

Zählt auch überspringen? Ich hätte womöglich nichts dagegen, ein paar meiner drei Ehen ungeschehen zu machen. (überlegt) Wobei, eigentlich stimmt selbst das nicht. Sogar meine letzte hatte zweifellos ihre schönen Momente, auch wenn sie mich am Ende emotional komplett ruinierte. Der Ring, den Sie an meiner Hand sehen, ist nicht mehr als eine optische Spielerei.

Zur Person

Wozniak Miniport

Stephen Gary „Woz“ Wozniak

Eine kurze Biografie

Stephen Gary „Woz“ Wozniak kam am 11.08.1950 als Sohn eines Ingenieurs im kalifornischen Sunnyvale zur Welt. Bereits im zarten Alter von elf Jahren baute der scheue, mathematikbegeisterte Junge im Alleingang eine Amateurfunkanlage, ein paar Jahre später seinen ersten rudimentären, aber funktionstüchtigen Rechner. Für weltweite Furore sorgte der Studienabbrecher mit dem allerersten Produkt der gemeinsam mit seinem Highschool-Kumpel Steve Jobs 1976 gegründeten Garagen-Firma Apple: dem Apple I – einem Holzkasten mit Tastatur und Monitor, der den Umgang der Menschheit mit dem Computer durch seine simple Bedienung nachhaltig verändern und prägen sollte. Seit seinem desillusionierten Ausstieg im Jahre 1981 holte Wozniak seinen Universitätsabschluss in Informatik und Elektrotechnik nach, gründete diverse mittelständische Unternehmen und unterrichtete Fünftklässler. Steve Wozniak lebt allein in Los Gatos bei San Francisco und spielt in seiner Freizeit am liebsten das von ihm ersonnene Segway-Polo.

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