Coffee & Cigarettes

Stanisław Lem
„Intelligenz ist
ein Rasiermesser.“

„Wissen selbst ist kurioserweise zum Problem geworden. Und wer immer dieses Problem entschärft, wird mächtig sein.“

Der polnische Bestsellerautor und Visionär bewohnt ein unscheinbares Einfamilienhaus in einer Vorortsiedlung. Die folgenden drei Stunden im Schatten Tausender Bücher sind beeindruckend: Ein weiser alter Mann über Irrwege der Technik, haltlose Utopien, Verstand – und dessen Verschwinden.

Rubrik
Coffee & Cigarettes

Date
15. November 2005

Ort
Lems Arbeitszimmer in Krakau

Erschienen in
GALORE 04/2005

Fotos
Erik Weiss ➔

Herr Lem – wann haben Sie das letzte Mal etwas komplett Irrationales getan?

Ich weiß nicht, ob es tatsächlich irrational war, aber ich bat meinen Sohn darum, mir diese elektrostatische Maschine da drüben (zeigt auf den Schreibtisch) zu kaufen, weil ich die Funkenstrecke optisch sehr reizvoll finde. Ich mag das einfach: eine Million Volt, die man mit bloßem Auge beobachten kann. Aber ziehe ich einen messbaren Nutzen aus dieser Millisekunde? Nein! Gut, es bereitet meinem Enkel ein höllisches Vergnügen. (lacht)

 

Ich frage nur deshalb, weil es sowohl in Ihren fiktionalen Arbeiten als auch in Ihren Essays so gut wie nie um Emotionen geht. Dabei ist doch am Ende die gesamte Evolution ohne Gefühle und Triebe undenkbar. Interessiert Sie diese Seite des Menschseins einfach nicht genug?

Doch, schon. Aber zunächst einmal ist der Prozess des Schreibens in meinem Falle ein sehr rationaler. Ich zittere in der Regel nicht, wenn ich am Schreibtisch sitze. Was nicht heißt, dass ich deshalb völlig kaltblütig wäre.

 

Mir fällt in Ihrer Vita zumindest eine Entscheidung ein, bei der mich Ihre Motivation doch sehr interessiert: Sie haben Steven Soderbergh ein Hollywood-Remake Ihres Bestsellers „Solaris“ drehen lassen, mit dem Sie im Nachhinein alles andere als glücklich gewesen sein sollen. Haben Sie den Film inzwischen wenigstens gesehen?

Nein, nicht ganz. Aber was ich gesehen habe, hat mir gereicht. Blödsinn! Absoluter Blödsinn. Alles Interessante an meinem Roman bezog sich auf das Verhältnis der Menschen zu diesem Ozean als einer nicht-humanoiden Intelligenz – nicht auf irgendwelche zwischenmenschlichen Liebesgeschichten. Na, wenigstens haben sie mir ein anständiges Schmerzensgeld gezahlt. Seither habe ich jedes weitere Angebot aus Amerika strikt abgelehnt.

Lem Science Fiction

Science Fiction

Mit dem Etikett ‚SciFi-Autor’, das Stanislaw Lem bis heute anhängt, hat der Pole sich nie recht anfreunden können. Besonders deutlich wurde dieses Missverhältnis, als Lem 1973 in die ‚Science Fiction Writers of America’ aufgenommen wurde – eine für ihn zweifelhafte Ehre, die man ihm bereits drei Jahre später aufgrund kritischer Äußerungen gegenüber dem Genre wieder entzog. „Ich wollte damals niemanden persönlich beleidigen, sondern lediglich den erbärmlichen Ist-Zustand beleuchten. Was ich unter dem Etikett Science Fiction vorfand, war blanke, sinnlose Phantasterei. Dass man mir daraus einen Strick drehte, hat mich ziemlich kalt gelassen.“

Aber Sie müssen doch geahnt haben, was Hollywood mit dem Stoff anstellen würde. Warum haben Sie dem Projekt dennoch zugestimmt?

Man hat mich überredet. Ich hätte keine Vorstellung davon, welch tolle Möglichkeiten der Animation man heute besitze, alles werde am Ende ganz nach meinem Geschmack sein. „Bitte sehr!“, habe ich gesagt. „Zeigen Sie mir das.“ Einen Mist haben sie getan. Schrecklich. Dagegen ist sogar Tarkowskijs Version ein Geniestreich.

 

Können Sie nachvollziehen, dass eine Menge Menschen „Solaris“ für eines der gelungensten Science-Fiction-Werke überhaupt halten?

Zunächst einmal: Ich bin weder ein Kenner noch ein Liebhaber der sogenannten Science Fiction. Das Beste, was ich selbst meiner Meinung nach verfasst habe, sind einige Bücher, die in ziemlich merkwürdiger Beziehung zu deren Gattungsparadigma stehen; etwa die „Kyberiade“, „Memoiren, gefunden in der Badewanne“ oder „Also sprach Golem“, daneben der eher essayistische Teil meines Werkes, der sich seit der „Summa Technologiae“ beständig weiterentwickelt und ausgedehnt hat. Ich habe ganz erbärmlich angefangen und mich langsam gesteigert. (hält kurz inne) Wissen Sie was? Ich bin ein wenig verwundert, dass Leute wie Sie nach wie vor Interesse an mir und meinen Gedanken haben – in einer Zeit, in der die Autoren aufgehen, kurz strahlen und dann verglühen wie eine Supernova. Fast niemand aus den sechziger Jahren lockt doch heute noch wen hinter dem viel zitierten Ofen hervor.

 

Ich schätze, das liegt am Thema. Sie schreiben…

…inzwischen zum Glück gar nichts mehr! Ich diktiere hier und da meinem Sekretär etwas, als politischer Beobachter sozusagen. 44 Bände meiner Gesammelten Werke sind wahrlich genug. Allen Wünschen zum Trotz: Es wäre unsinnig, das weiter zu strapazieren. Basta.

„Der Computer ist nicht mehr als eine elektronische Kuh, die Daten wiederkäut. Einen eigenständigen Einfall dürfen Sie da nicht erwarten, zumindest keinen sinnvollen.“

Sie haben das Gefühl, alles gesagt zu haben?

Ich bin zu alt, um Gottes Willen! Mit 85 bereitet mir das Schreiben keine Lust mehr. 40 Jahre lang bin ich jeden Morgen um fünf Uhr aufgestanden und habe mich an die Maschine gesetzt bis mir irgendwann mein Sitzfleisch erklärte, dass es genug sei. (kichert) Heute bin ich ein greiser Mann. Natürlich bin ich ein bisschen verblödet. Nicht total, aber erheblich. Wenn Sie mir also sagen, Sie hätten nahezu alles von mir gelesen, dann weiß ich nicht recht, ob ich mich dafür eher entschuldigen oder bedanken soll.

 

Das meinen Sie nicht ernst.

Doch, durchaus. Ginge es nach mir, könnten Sie 30 Prozent meiner gesamten literarischen Leistung auf den Müll werfen. Dies und das ist wohl noch am Leben. Wissen Sie, Intelligenz ist ein Rasiermesser: Man kann sie sinnvoll nutzen, sich aber ebenso gut auch die Gurgel durchschneiden damit. Im Grunde ihres Wesens ist sie ungesund.

 

Sie selbst galten mit einem IQ von 180 einst als „intelligentestes Kind Südpolens“. Gibt es Ihrer Meinung nach tatsächlich Bereiche des Lebens, in denen sich zu viel Intelligenz eher hinderlich auswirkt?

Statistisch gesehen schon. Wer sich fortwährend den Kopf über einfachste Verrichtungen zerbricht, vergisst den Kaffee vom Herd zu nehmen, nicht?

Schon als Kind hochbegabt

Mit einem Intelligenzquotienten von 180 Punkten soll Stanisław Lem das intelligenteste Kind in ganz Südpolen gewesen sein.

Welche Bezeichnung träfe auf Sie Ihrer Meinung nach am ehesten zu: Forscher, Schriftsteller, Philosoph?

Eine schwierige Frage. (überlegt) Als Schriftsteller habe ich mich bemüht. Philosoph bin ich nicht; und wenn schon, dann wider Willen. Forscher erst recht nicht. Ich sitze hier, einsam, und versuche, interessante Dinge zu lesen. Aber das wird immer schwerer, weil so unglaublich viel Schund publiziert wird.

 

Wie wäre es mit Visionär?

Ach wissen Sie… natürlich könnte ich mir dieses schöne Wort aussuchen, um mich zu schmücken. Ich könnte mich auch hinstellen und mir jeden Tag die fünf Ehrendoktortitel anschauen, die mir allein von deutschen Universitäten verliehen wurden. Aber darum geht es nicht. Was ich war, weiß ich nicht. Jetzt bin ich ein Greis, in dem noch ein letzter Lebensfunke und Rest-Intelligenz flackern. Sie reden mit einer Ruine, mein Herr. (flüstert) Ich war sogar schon einmal klinisch tot vor zwei Jahren.

 

Wie das?

Ich bin einfach umgekippt, weil ich damals noch nichts von meiner Alters-Diabetes wusste und zu viel Süßes gegessen hatte. Die Folgen waren eine schwere Kopfwunde, eineinhalb Liter Blutverlust und schließlich einige Stunden Koma. Und was soll ich sagen? Es war ein sehr angenehmer Zustand; ein Zustand der vollkommenen Leere. Seit diesem Ereignis weiß ich jedenfalls, dass uns nach dem Tod nichts erwartet. Ein absolutes Garnichts. Für mich als Atheisten eine durchaus beruhigende Aussicht.

 

In Bezug auf Ihre Person kommt man um eine generelle Diagnose schwerlich herum: die Wandlung vom Sci-Fi-Visionär zum Fortschrittskritiker und -zweifler.

Das stimmt, ja. Weil sich ein absolut gesetzter Fortschritt automatisch in Regress verwandelt. Auf allen möglichen Ebenen – ethisch, technisch, politisch. Sie als Einzelner können so viel schreien, wie Sie wollen. Sie werden nicht einmal gehört. Nichts können Sie mehr ausrichten!

 

Sie nannten sich noch unlängst einen „optimistischen Pessimisten“. Doch zumindest bei der Lektüre Ihrer neueren Texte fehlt das optimistische Element nahezu völlig.

Das ist zum Teil schlicht biologisch bedingt. Ob Mensch oder Tier, jeder bekommt von der Natur bei seiner Geburt eine Spritze Optimismus eingeimpft. Schauen Sie sich junge Hunde an, wie die hüpfen, nicht wahr? Wenn man aber alt ist und nichts als den Tod zu erwarten hat, fällt es schwer, konstruktiv nach vorne zu blicken. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich mag den Tod, wie gesagt. Wäre nicht meine Familie vehement dagegen, ich hätte dem Ganzen schon längst ein Ende gemacht. Und was meine Schriften angeht, sieht es ja nicht viel rosiger aus: Kaum schließt sich der Sargdeckel über einem Autor, und sei er noch so visionär, fällt er auch schon dem kollektiven Vergessen anheim. Es gibt da einen sehr wahren Spruch: „Niemand liest etwas. Wenn er etwas liest, so versteht er gar nichts. Und wenn er etwas davon versteht, so vergisst er es sofort wieder.“

1987

Fiasko

Lem’s letztes fiktionales Buch  mit dem Namen „Fiasko“ erscheint. In diesem schildert er ein mögliches Szenario einer wissenschaftlich weit fortgeschrittenen Zukunft der Menschheit.

Nichtsdestotrotz besitzt eine Menge von dem, was Sie vor Jahrzehnten verfasst haben, im 21. Jahrhundert mehr Aktualität und Relevanz denn je. In „Solaris“ etwa findet sich der weise Satz: „Wir brauchen keine anderen Welten, wir brauchen Spiegel.“

Da haben Sie allerdings Recht. Und trotzdem werden die Menschen nicht müde, sich irgendwelche Aliens und fremde Planeten herbei zu fantasieren. Die Amerikaner machen mit ungebrochenem Eifer Serien wie „Star Trek“ daraus. Früher, in den Fünfzigern, krepierte man vornehmlich an Bord eines auf Grund gelaufenen Unterseebootes, heute in den Weiten des Weltalls. Der Grund ist letzten Endes haargenau derselbe: Sauerstoffmangel. Dabei gäbe es in der Tat weitaus Wichtigeres zu tun. Denken Sie an die Krawalle in Frankreich, an 40 Milliarden Euro Staatsdefizit in Deutschland oder den Blödsinn, den Bush nach wie vor im Irak veranstaltet. Spätestens 1987, als mein letztes fiktionales Buch „Fiasko“ erschien, war ich durch mit dem Thema. Ich war satt. Was ich seither an wissenschaftlichen Essays veröffentlicht habe, befriedigte nur noch meine ureigenen Interessen. Na ja, und es bewies, dass ich noch lebe. (lacht)

 

Steckt auch die Technologie als solche in einer Krise?

Aber ja! Wenn Sie den ‚National Herald’ aufschlagen, werden Sie geradezu überflutet von technischen Innovationen. Aber das einzige, was heute zu zählen scheint, ist, dass die Dinge immer kleiner werden. Dabei macht die Nano-Technologie im Alltag wenig Sinn. Wir benötigen das alles nicht!

 

Fällt Ihnen auf der anderen Seite eine Erfindung ein, die die Welt tatsächlich bräuchte?

Jawohl, eine: Ich würde sehr gerne diese ganzen TV-Werbespots ausblenden können. Das ist entsetzlich! Sie sehen eine Katastrophe, ein Erdbeben – und plötzlich hören Sie eine Stimme, die Ihnen erklärt, mit welchem Toilettenpapier sich die Bären ihren Arsch abwischen. Also bitteschön! Das mag ich nicht. Ich fühle mich gewissermaßen informativ vergewaltigt. Aber dagegen ist kein Kraut gewachsen.

 

Und global gesehen? Irgendeine Entwicklung, die die Menschheit als Ganzes nach vorne brächte?

Was die Menschheit betrifft, so würde ich es vorziehen zu schweigen. Es gibt keine Menschheit – es gibt nur verschiedene Völker. Manche davon explodieren demografisch, während andere langsam überaltern und aussterben. Alle zusammen versinken wir in diesem humanoiden Meer. Es gibt zu viele von uns; um die Jahrhundertmitte sollen es bereits neun Milliarden sein.

 

Interessieren Sie deshalb Bücher wie jenes dort drüben mit dem vielsagenden Titel „Entering Space“?

Nein, ich lese diese Dinge, weil ich das Thema Auswanderung in den Weltraum für einen der größten Irrwege der Moderne halte. Das Beste, was die werte NASA bis dato geschaffen hat, ist der Klebstoff, der die Hitzeschilde des Space Shuttle beieinander hält. (lacht sarkastisch) Warum sollte uns Menschen überhaupt daran gelegen sein, Planeten wie den Mars zu kolonisieren – abgesehen davon, dass wir im Grunde unseres Wesens Raubtiere sind? Da oben, das ist ja eine Art Gulag! Eine entsetzlich kalte Wüstenei ohne Luft und Wasser. Man sollte sich lieber darum bemühen, die irdischen Probleme in den Griff zu bekommen. Vielleicht gibt es noch eine kleine Chance, bevor wir nach den Mammuts und Walen uns selbst ausrotten, auch wenn ich daran zweifele. Scheinbar mögen wir das Morden einfach. Die menschliche Geschichte gleicht einem Ozean aus Blut, und dass wir nun auch noch daran arbeiten, die Lebensspanne künstlich zu verlängern, ist der Gipfel des Hohns.

 

Meinen Sie denn, so etwas wäre möglich?

Ob es machbar ist, weiß ich nicht. Ich halte das allerdings auch für absolut irrelevant. Ewig zu leben wäre kontraproduktiv und extrem öde. (unverwandt) Mögen Sie Halva?

 

Ja, schon. Warum fragen Sie?

Wollen Sie hundert Kilogramm? Nein?! Also bitte sehr.

 

In einigen Ihrer jüngeren Schriften vertreten Sie gleichwohl die These, dass nicht die demografische, sondern die informationstechnologische Bombe, die Sie „im vollen Splitterflug“ wähnen, die gefährlichere sei.

Es gibt mehrere Sintfluten, nicht nur eine. Auch eine technologische. Jeden Tag kommen neue Automodelle auf den Markt – doch wozu? Ich selbst fahre seit 25 Jahren denselben Mercedes. Da drüben unter dem Kamin verstauben fünf elektrische Schreibmaschinen, weil ich noch immer stur meine mechanische Remington verwende. Wenn wir Glück haben, setzt dem Spuk irgendwann das Versiegen der Rohstoffe ein natürliches Ende. Und was die Informationsflut betrifft: Selbst wenn Sie es irgendwie schafften, den Schund einigermaßen von relevanten Informationen zu trennen, wäre der Anspruch, das alles aufzunehmen in etwa das Gleiche, als versuchten Sie den Atlantik mit einem Teelöffel trocken zu legen. Erst heute flatterte der aktuelle ‚Scientific American’ ins Haus – und was lese ich da? „Gravitation ist eine Illusion.“ Es gibt nach neuesten Erkenntnissen plötzlich keine Schwerkraft mehr! (lacht) Zum Glück habe ich meinen Sekretär, der eine Vorauswahl trifft.

„Selbst wenn Sie es irgendwie schafften, den Schund von relevanten Informationen zu trennen, wäre der Anspruch, das alles aufzunehmen in etwa das Gleiche, als versuchten Sie den Atlantik mit einem Teelöffel trocken zu legen.“

Bereits 1996 schrieben Sie sinnbildlich: „Ich habe immer gehofft, dass die Welt in die richtige Richtung strebt, sofern sich ihr die Möglichkeit bietet. Nun habe ich diese Hoffnung verloren.“

Das stimmt ja auch. Ich frage Sie: Hat sich in den letzten 50 Jahren irgendwas zum Besseren gewendet? Nehmen sie Krankheiten wie den Krebs: Der wurde bestimmt schon 100 Mal von den Zeitungen für besiegt erklärt. Nichts als Augenwischerei.

 

Wovor graut Ihnen zu Beginn des 21. Jahrhunderts mehr: vor dem Blick aus dem Fenster oder jenem ins Internet?

Vor der ganz ordinären, gewöhnlichen, gemeinen Welt. Mit einem Wort: Die Politik macht mir Angst. Mord und Totschlag. Das Internet ist eher zum Verzweifeln; ein Ärgernis, wenn Sie mich fragen. Dass sich der sogenannte technische Fortschritt nach Evolutionsgesetzen vollzieht und demnach irreversibel ist, ist ein Fakt. Man kann das hinterfragen, aber nicht stoppen. Zu glauben, dass wir deshalb im Umkehrschluss irgendwann alles meistern würden, wäre allerdings genauso naiv. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Wer zum Gipfel klettert, merkt auch bloß eines mit letzter Gewissheit – nämlich, dass von dort alle Wege nach unten führen.

 

Sie haben sich nachweislich lange gesträubt, einen Computer zu benutzen, geschweige denn einen Internetanschluss legen zu lassen. Inwiefern nutzen Sie diese Komponenten inzwischen?

Gott behüte, gar nicht! Ich kann diese Geräte nicht einmal einschalten. Das übernimmt mein Sekretär.

 

Was genau meinen Sie mit einem Satz wie dem folgenden: „Sollte die Hölle existieren, so wird sie computerisiert sein.“ Der Computer an sich ist ja erst mal nichts Schlechtes.

Das war natürlich bloß Spaß. Der Computer ist nicht mehr als ein mechanisches Vieh. Eine elektronische Kuh, die Daten wiederkäut. (lacht) Er ist ein Werkzeug, vergleichbar einem Hammer. Einen eigenständigen Einfall dürfen Sie da nicht erwarten, zumindest keinen sinnvollen. Und mit einer Moral können Sie ihm auch schlecht kommen.

Lems Visionen

Schwarm-Intelligenzen, kriegführende Maschinen, Brainchips: Lem selbst nennt sie bescheiden „Gedanken-Erfindungen“, jene in seinen Werken imaginierten Techniken und Geräte, die, wenn nicht inzwischen Realität geworden, so doch zumindest in Sichtweite gerückt sind. So bezeichnet etwa ‚Cerebromatik’ die vieldiskutierte Idee, die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirn durch Biotechnologie zu erweitern. Und was man in Reißern wie „Matrix“ bestaunt, nannte Lem bereits 1962 ‚Phantomatik’: eine Illusionstechnik, die den Rezipienten zum aktiven Teilnehmer, zum Helden, zum Mittelpunkt programmierter Ereignisse erhebt.

In Ihren Büchern haben Sie sich ausgiebig mit der Frage nach künstlicher Intelligenz auseinander gesetzt. Kann es Ihrer Meinung nach so etwas überhaupt geben?

Das ist sehr einfach: Es gibt sie nicht. Jedenfalls nicht in naher Zukunft. Was ein Typ wie dieser Kurzweg im ‚Scientific American’ schreibt – dass wir bereits in 20 Jahren an der Schwelle der Fusion der biologischen Natur des Menschen mit der Technologie stünden – halte ich für reinen Unsinn. Intelligenz ist ein verschwommener Begriff, ein Modewort, das derzeit auf alles und jeden angewendet wird. Sogar meine Hosenträger sind, wenn Sie so wollen, intelligent. Immerhin kann man sie regulieren.

 

Können Sie den Unterschied zwischen Intelligenz und Verstand näher definieren?

Da sind wir wieder beim Rasiermesser: Die Intelligenz ist das Messer, der Verstand führt es. Er ist die Hand, die bestimmt, in welche Richtung sich das Messer richtet. Und ohne diese Hand ist die gigantischste Rechenkapazität nicht viel wert. Schreiben, Reden, die besondere Kunst zu denken – all das liegt in ungreifbarer Ferne. Es ist ein bloßer Traum der Elektroniker. Ein Automat kann Ihnen die geschickteste Zugverbindung errechnen, dem Pentagon einen strategischen Schlachtplan entwerfen oder Sie beim Schachspiel matt setzen. Er kann im Rahmen geschlossener, klar definierter Zusammenhänge agieren. An der Aufgabe, in eigenen Worten den Inhalt eines Grimm-Märchens wiederzugeben, wird er scheitern. Dafür benötigt man das, was ‚formbare Intelligenz’ genannt wird.

 

Mit anderen Worten: Er müsste fähig sein zu lernen. Was genau hindert denn eine künstliche Intelligenzform daran, in den Status der ‚Allgemeinheit und Formbarkeit’ einzutreten?

Na, dass sie kein sensorisches Empfinden besitzt. Ein Gehirn, das aufhört zu fühlen, verkümmert. Es wird ausgelöscht. Der ganze Bohei um diese japanischen Roboterhunde ist ein völliger Unsinn. Das ist bislang besseres Spielzeug! Eine Maschine mit menschlichen intellektuellen Fähigkeiten müsste ein Kind gewesen sein. Sie müsste sich verlieben können und nicht zuletzt Humor haben.

 

Aber in Ansätzen existieren doch bereits lernende Maschinen. Zumindest in Ihrem Essay „Geist aus der Maschine“ gehen auch Sie so weit, die Möglichkeit eines weltweit verstreuten globalen Bewusstseins mittels vernetzter Rechner auszuloten – und als potenziell realisierbar zu bewerten.

Mit Verlaub: In Ansätzen gibt es alles. Ob es eine Fortsetzung findet, das ist die Frage. Nicht zuletzt sind solche Forschungen unendlich kostspielig. Überhaupt ist der natürliche Weg der leichtere: Sie müssen nur mit einer Frau kopulieren, und neun Monate später haben Sie ein Kind. Noch ein paar Monate und Sie können einer richtigen, lebenden Intelligenz beim Wachsen und Gedeihen zusehen. Da kommen Sie aus dem Staunen nicht heraus.

„Von den vier „Harry Potter“-Teilen sind 200 Millionen Bücher verkauft worden. Ein unfassbarer Wahnsinn! Dieses Gefasel von magischen Kräften richtet mehr Schaden in den Köpfen unserer Kinder an, als die meisten Computerspiele.“

Was wir heute ‚Cyberspace’ oder ‚virtuelle Realität’ nennen, haben Sie bereits Anfang der 60er Jahre vorweg genommen und ‚Phantomatik’ genannt. Woran krankt das Ihnen so verhasste Internet?

An seinem Überfluss und seinem Suchtpotenzial. Mein Sohn liest keine Zeitungen und schaut kaum noch fern. Die meiste Zeit des Tages verbringt er angekoppelt ans Internet. Ich nenne das Internitis – eine Krankheit.

 

Warum?

Weil es am Ende auch eine Art Narkotikum ist, das uns vom Wesentlichen ablenkt. Und ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe vor vielen Jahren unter ärztlicher Aufsicht mit psylocybinhaltigen Pilzen experimentiert – aus reiner Neugier. Alles wurde plötzlich wunderbar, aber wiederholen wollte ich das nicht, weil mir die Souveränität meines Gehirns heilig ist. Den Gedanken, dass irgendeine chemische Substanz meine Wahrnehmung über den Haufen wirft, mochte ich ganz und gar nicht.

 

Ein weiterer Aspekt, den Sie diagnostizieren und auch auf die in Computerspielen aufgebauten virtuellen Welten ausdehnen, ist eine Tendenz zur Verrohung, eine Eskalation der Gewalt. Inwiefern hat sich dieses Bild inzwischen radikalisiert?

Diese Gefahr wächst tatsächlich. Stellen Sie sich vor: Eine japanische Firma bat mich vor einiger Zeit, meine Erlebnisse mit dem Sowjet-Regime für sie aufzuschreiben. Als ich wissen wollte, zu welchem Zweck, verriet man mir, es gehe um die Entwicklung eines Computerspiels. Kein Scherz! Zunächst wollte ich das ablehnen, aber schließlich hat mich ihr großzügiger Scheck überzeugt. (lacht) Ich schätze, das ist eher kurios als schadhaft, oder? Das Ergebnis hat man mir später zugeschickt, aber ich wollte es nicht sehen.

 

Töten solche Spiele die Fantasie?

Tendenziell sicher. Aber wissen Sie, was ich für eine weitaus entsetzlichere Katastrophe halte? Die „Harry Potter“-Bücher! Ich habe gehört, dass von den vier Teilen mittlerweile 200 Millionen Bücher verkauft worden sind. Ein unfassbarer Wahnsinn! Dieses Gefasel von magischen Kräften richtet mehr Schaden in den Köpfen unserer Kinder an, als die meisten Spiele. Wozu brauchen wir fliegende Besen und den ganzen Hokuspokus? Doch nur um in eine Traumwelt zu flüchten, statt uns mit sinnvolleren Gedanken zu befassen.

 

Das klingt ein bisschen, als seien Sie neidisch.

Nein, um Gottes Willen. Aber die Schräglage an sich ist doch bedrückend. Einsteins Werke haben nicht einmal ein Hundertstel dieser Menschenmasse gelesen.

 

Ist es das, was Sie mit dem Begriff ‚Ignorantik’ bezeichnen?

(überlegt) Mit Verlaub, das habe ich vergessen. 90 Prozent von dem, was ich einmal gedacht oder geschrieben habe, ist weg. Verschwunden. Das ist nur menschlich. Auch Wissen ist vergänglich: Entweder wird es vergessen oder durch eine aktuellere Theorie widerlegt.

Lems ‚Ideen-Steinbrüche’

Weil er sich zeitlich nicht in der Lage sah, sämtliche seiner literarischen Konzepte und Einfälle zu Romanen auszuarbeiten, erfand Stanislaw Lem kurzerhand zwei neue belletristische Gattungen: die fiktionale Rezension („Die vollkommene Leere“, 1973) sowie das fiktionale Vorwort („Imaginäre Größe“, 1976). Ob es um das Gedankenspiel der (Un-) Wahrscheinlichkeit der eigenen Existenz, eine abermalige Radikalisierung von Joyce’s „Ulysses“ oder darum geht, den Bakterien das Sprechen beizubringen – stets merkt man als Leser, welchen Spaß der Autor beim Verfassen seiner Meta-Literatur gehabt haben muss. Beide Bücher sind sowohl komisch als auch ein intellektuelles Vergnügen.

Lassen Sie uns dennoch auf Ihre Prognosen zurückkommen. Auch andere Entwicklungen haben Sie zum Teil Jahrzehnte eher vorausgesagt: die Gen- und Nanotechnik, den bargeldlosen Zahlungsverkehr oder Brainchips. Sie entwerfen eine Welt, in der die Datenverschmutzung katastrophale Ausmaße angenommen hat und als weißes Rauschen sogar militärisch genutzt wird.

Das ist der Stand der Dinge, allerdings. Ein Blick in den ‚Spiegel’ genügt. Inzwischen beschießt man Piraten, die ein Kreuzfahrtschiff kapern wollen, mit Lärmkanonen. Sie wurden mit Geschrei in die Flucht geschlagen. Bitte sehr, da haben Sie Ihre militärisch eingesetzte Datenverschmutzung. Daneben ist natürlich auch die schiere Flut an weltweit erfassten Daten problematisch. Mit anderen Worten: Wissen selbst ist kurioserweise zum Problem geworden. Und wer immer dieses Problem entschärft, wird mächtig sein.

 

Demzufolge muss für Sie vor allem die gesamte globale ‚Open Source’-Bewegung um Projekte wie Wikipedia ein einziger Haufen Mist sein, oder?

Sehr schädlich ist das. Weil die meisten Menschen dumm sind, psychisch begrenzt. Wie wollen Sie da die intelligentesten und einfallsreichsten Gedanken herausfiltern? Ein Programm ist dazu jedenfalls nicht fähig. Man müsste ein Gremium bilden.

 

Dafür ist das Konzept im besten Sinne demokratisch.

Seien wir ehrlich: Die Demokratie ist nur aus einem einzigen Grund modisch – weil es nichts Besseres gibt. Ob es deshalb automatisch zu weniger Konflikten kommt, wage ich zu bezweifeln.

 

Der französische Philosoph Paul Virilio hat für unsere nur noch durch absolut gesetzte Geschwindigkeit geprägte Welt den Begriff des ‚rasenden Stillstands’ geprägt. Man könnte wohl auch sagen: Kommunikation statt Verstand.

Na, bitte sehr.

Zur Person

Stanisław Lem

Polnischer Philosoph, Essayist und Science-Fiction-Autor

Geboren am 12.09.1921 in Lwów (Lemberg), Galizien, als Sohn eines Arztes, studierte auch Stanislaw Lem zunächst Medizin, zeigte sich aber bereits früh fasziniert von fachfernen Inhalten wie Physik, Kybernetik, Mathematik und Philosophie. Nach dem Staatsexamen war er einige Zeit als Assistent für angewandte Psychologie tätig, bevor er sich mehr und mehr zur Literatur hingezogen fühlte und 1951 seinen ersten Roman „Die Astronauten“ veröffentlichte. Bis zum heutigen Tag wurden Lems Bücher in 57 Sprachen übersetzt und erreichten eine Auflage von über 45 Millionen verkauften Exemplaren weltweit. Stanislaw Lem lebte bis zu seinem Tod wenige Wochen nach dem Interview mit seiner Frau Barbara, einer ehemaligen Radiologin, und Dackel Philipp in Krakau.

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